Ich komme gleich…..

„Ich komme gleich“ – es gibt nur wenige Sätze, die ich öfter sage. Gerne auch in leicht abgewandelten Varianten wie „Moment noch“, „Jetzt nicht“, „Später“, „Ich kann gerade nicht“ oder „Warte kurz“. Und ich behaupte mal die allermeisten Eltern auf der Welt wissen, dass dieser Satz fatale Folgen haben kann.
Beispielsweise dann, wenn das Kind etwas zu trinken möchte. Sagt man nämlich in einer solchen Situation „Warte kurz, ich schänke dir gleich etwas ein“, kann es passieren, dass das Kind versteht „Nein, ich hab keinen Bock. Mach es selber“ und eben deshalb nicht wartet und sich sein Getränk selbst einschänkt. Nicht selten geht das schief. Besonders blöd ist es, wenn es sich nicht um Wasser, sondern um Milch oder irgendein zuckerhaltiges Getränk handelt. Denn das bedeutet meistens, dass der Fußboden gewischt werden muss. Denkt man also genauer darüber nach, würde man kostbare Zeit sparen, wenn man dem Wunsch des Kindes  unmittelbar entsprochen hätte und nicht versucht hätte, den Wunsch nach einem Getränk um zwei Minuten zu verschieben.
Genauso dämlich ist es beim Frühstück zu erwähnen, dass wir HEUTE NACHMITTAG VIELLEICHT schwimmen gehen. Eine Spezalität von Charlies Sohn! Obwohl er nach fast zwölf Jahren in seiner Rolle als Vater  wissen müsste, dass die Kinder spätestens beim Wort Schwimmen das Vielleicht schon längst wieder vergessen haben. Mal abgesehen davon, dass Kinder – wie man in einschlägiger Fachliteratur nachlesen kann – bis zu ihrem neunten Lebenjahr überhaupt kein Zeitgefühl haben. In unserem Haushalt lebt also nur ein einziges Kind, das eine ungefähre Vorstellung davon hat, wann heute Nachmittag ist. Und ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob er die Bedeutung des Wortes vielleicht kennt. Am frühen morgen gleich zwei Fehler in einem Satz und der Tag ist gelaufen. Wenn du nämlich zwischen 10:00 Uhr und 15:00 Uhr etwa 374 Mal „später“ gesagt hast, hast du die Lust auf Schwimmbad gänzlich verloren. Aber erklär‘ das mal den Kindern. Da rettet es dich auch nicht, dass du „vielleicht“ gesagt hast.

Ein weiters Beispiel für mütterliche Inkompetenz ist, wie ich heute feststellen durfte, die Kombination von „Ich komme gleich“ und Nagellack. Kind3 möchte sich heute die Nägel neu lakieren, da ihrer Meinung nach der blaue Nagellack viel besser zu ihrem korallefarbenen Kleid passt, als der rosa Nagellack. Ich sage ihr also, dass wir das später gerne machen können. Natürlich in der Hoffnung, dass sie es einfach vergisst. Weit gefehlt. Als ich unser Frühstück vorbereite kommt sie mit einem Wattepad und dem Nagellackentferner in die Küche. Da ich ja inzwischen weiß, wie man Lebenszeit sinnvoll einsetzt und keine Lust auf eine Nagellackentfernerüberschwemmung auf dem Eichentisch oder dem Dielenboden habe, mache ich das lieber fix.
Da sie ihre Nägel während des Frühstücks nicht mehr erwähnt, gehe ich idiotischerweise davon aus, dass sie es tatsächlich vergessen hat. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn als sie mich eine halbe Stunde später im Keller, wo ich die Wäsche sortiere, aufsucht sagt sie: du bist nicht gekommt. Ich hab mir die Nägel alleine gemacht.
Der laute Knall, der um 11:09 Uhr mitteleuropäischer Winterzeit in ganz Deutschland zu hören war, war der Stein, der mir vom Herzen fiel, als ich feststellte dass mein (offensichtlich hochbegabtes) Kind eine Unterlage auf den weißen Hochglanz-Waschtisch gelegt hat, bevor sie mit ihrer Arbeit begann.