Die unangenehme Wahrheit

Das größte Dilemma zwischenmenschlicher Beziehungen ist ja unangenehmen Wahrheiten aus dem Weg zu gehen. Sie einfach nicht anzusprechen und immer weiter so zu tun, als wäre alles in Butter.

Das fängt schon an, wenn jemand etwas zwischen den Zähnen hängen hat oder der Hosenstall offen steht. Jeder denkt, es stünde ihm nicht zu etwas zu sagen. Aber die Erkenntnis abends vorm Spiegel festzustellen, dass man den ganzen Tag mit dem Mohn vom Frühstücksbrötchen zwischen den Zähnen rumgelaufen ist, ist niederschmetternd. Besonders dann, wenn du just an diesem Tag ein Elterngespräch in der Schule geführt hast und das Gefühl hattest, die Lehrerin sei nicht ganz bei der Sache. Na, wie denn auch? Sie musste ja die ganze Zeit auf das Mohnkörnchen starren…

Schluss machen ist auch so ne Sache. Wie verpackt man nett und freundlich, dass man mit ihm (oder ihr) nicht mehr zusammen sein möchte. „Du bist total super, witzig und liebenswert aber…..“ klingt einfach nicht logisch. Da muss man schon die Keule auspacken und sagen:“Ich will nicht mit dir zusammen sein, weil….“. Aber das ist eben nicht höflich, vorsichtig oder dimplomatisch. Nein, das ist für einen immer doof. Und der fühlt sich dann Scheiße. Andererseites kann ich mir nicht vorstellen, dass sich irgendwer darüber freut, dass er jahrelang – womöglich sein Leben lang – belogen wurde, nur weil keiner in der Lage war die unangnehme Wahrheit auszusprechen.

Es gibt unendlich viele unangenehme Wahrheiten, die man gerne ausblendet. Ich hatte beispielsweise mal eine Kollegin, die nur selten Deo benutzt hat. Niemand hat je etwas zu ihr gesagt. Wir haben alle stillschweigend und durch den Mund atmend nur das Allernötigste mit ihr gesprochen. Rückblickend betrachtet finde ich das total falsch. Sie hat sicher immer gedacht, niemand würde sie mögen. Dabei war sie eigentlich echt nett. Doch sie wurde niemals zum gemeinsamen Mittagessen oder so eingeladen und stinkt wahrscheinlich  noch immer. Wenn man es genau nimmt, könnte sie vermutlich seit Jahren eine glückliche Beziehung führen, wenn ihr irgendjemand mal was gesagt hätte. Mit irgendjemand meine ich nicht mich! Ich bin leider sehr undiplomatisch, was das Problem des darauf ansprechens bei mir zusätzlich verschlimmert. Ich kann jemandem nicht nett verpackt sagen, dass er stinkt. Oder Scheiße aussieht.

Deshalb habe ich mir folgendes überlegt: ich mache es wie bei den Kindern. Ich spreche das Negative/das Fehlverhalten an, bestärke dann jedoch postiv, sodass das Gesagte weniger schlimm erscheint und das Postive ein Glücksgefühl hervorruft. So steht es jedenfalls im Erziehungsratgeber. Beispiel: Schade, dass du es heute nicht geschafft hast dein Zimmer aufzuräumen. Aber toll, dass du so schön mit deiner Schwester gespielt hast und mir beim Tisch decken geholfen hast.

Ich finde das klingt absolut plausibel. So werde ich ab sofort unangenehme Wahrheiten ansprechen. Ab Morgen. Oder übermorgen. Oder vielleicht am…….

 

 

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