Besinnlichkeit, die

Von dem Wort Besinnlichkeit (oder besinnlich) wird man ja praktisch ab Ende November verfolgt. Im Duden steht dazu:

Be­sinn­lich­keit, die

Wortart: Substantiv, feminin
Worttrennung: Be|sinn|lich|keit
Ein Widerspruch in sich. Irgendwie. Denn allerspätestens ab dem 30. November, dem Tag, an dem die Adventskalender fertig bestückt sein müssen, spürt man bei uns Zuhause keine Besinnlichkeit mehr. Nicht, dass es hier den Rest des Jahres wahnsinnig besinnlich wäre – aber ab dem 30.11. halt einfach gar nicht mehr. Null Komma Null. Auch nicht beschaulich oder gemütlich (siehe Synonyme), sondern einfach nur noch stressig, nervig, anstrengend und ermüdend. Ich habe oft das Gefühl man müsste sich Weihnachten und das Jahresende regelrecht verdienen, in dem man die letzten 8 Wochen besonders intensiv gefordert wird.
Von Verwandten zum Beispiel, die – als hätten sie sich abgesprochen – alle an aufeinanderfolgenden Tagen anrufen oder schreiben und wissen wollen, was sich die Kinder zu Weihnachten wünschen. Dabei muss man höllisch aufpassen nicht einem Verwandten alle guten Geschenkaufträge zu geben. Ein Buch, einen Schal oder einen Notenständer will keiner schenken. Selbst ein Gesellschaftsspiel ist manchmal schon grenzwertig. Das muss dann schon mit dem Spiel des Jahres-Preis ausgezeichnet sein, denn alle wollen DER SCHENKER mit dem liebsten Weihnachtsgeschenk werden. Wenn es nach unseren Verwandten ginge, hätten unsere Kinder etwa die vierfache Menge an Spielzeug und Charlies Sohn und ich müssten im Wohnzimmer schlafen, weil das Schlafzimmer aussehen würde wie die Spielzeugabteilung von Karstadt oder so.
Ein weiterer äußerst nerviger Faktor ist die Schule. Zunächst veranstalten die weiterführenden Schulen im November noch den Tag der offenen Tür, den alle Eltern mit Viertklässern natürlich besuchen müssen, um herauszufinden auf welcher Schule ihr Sprößling höchstwahrscheinlich das beste Abitur macht und an welcher Schule er gleich ALG II beantragen kann. Diese Entscheidung nimmt unglaublich viel Energie in Anspruch was daran liegt, dass man sich im November zwar alle Schulen anschauen kann, aber die Anmeldung erst im Januar möglich ist. Die Weihnachtszeit für Viertklässereltern ist also besonders besinnlich. Nicht.
Aber selbst wenn man, wie ich, diese Entscheidung nicht treffen muss, nimmt Schule ungemein viel Raum ein. In der besinnlichen, ausgeglichenen Zeit. Nämlich in Form von Anwesenheit beim Tag der offenen Tür (um die Viertklässereltern in ihrer Entscheidung zu unterstützen) und – wie könnte es anders sein – Klassenarbeiten. Da hat sich während der letzten 20 Jahre nichts geändert. In jedem Fach werden Arbeiten, Tests oder Referate geschrieben was zur Folge hat, dass man an jedem verdammten Adventswochenende mit Lernen beschäftigt ist. Womit wir beim nächsten Punkt wären: die Adventswochenenden.
Wenn man, wie wir, nicht unmittelbarer Nähe seiner Eltern/Paten der Kinder/eigenen Patenkindern/sonstiger Verwandten lebt und zudem über Weihnachten in Skiurlaub fährt, muss man sorgfältig planen welche Angehörigen man an welchem Adventswochenende trifft.
Uns stehen dieses Jahr 3 Wochendenenden zur Verfügung. Und selbst wenn wir jeweils den Samstag und Sonntag für irgendwen reservieren, schaffen wir es nicht alle zu sehen. Und dann sind da noch die Weihnachtsmärkte. Die schönen, schnuckeligen Weihnachtsmärkte mit dem leckeren Glühwein finden logischerweise an den Adventswochenenden statt. Ergo müssen diese ebenfalls bei der Planung berücksichtigt werden. Genauso wie der Kindergarten, der selbstverständlich eine Adventsfeier inklusive Aufführung der Kinder plant und wofür Plätzchen gebacken werden müssen. Weil der Kindergarten außerdem einen Stand auf dem Stadtteil-Weihnachtsmarkt betreibt, wird Hilfe beim Standdienst benötigt. Ebenso wie die Vorbereitung für selbigen, welche bereits im Oktober begonnen hat. Spürt man was von der Besinnlichkeit? Von der Gemütlichkeit? Kann man den Plätzchenduft genießen, der durch unser Haus zieht? Nein! Selbst Weihnachtslieder kann ich schon nicht mehr hören, weil man sogar bei Aldi, wo man so weihnachtliche Dinge wie Joghurt oder TK-Laugenbrezeln kaufen will, damit beschallt wird. Feliz Navidad!
Und dann sind da noch die Kinder. Die Weihnachtswünsche, die ich sorgfältig und wohl überlegt an alle Schenker verteilt habe, werden mehr oder weniger täglich geändert und nicht selten dann auch nochmal zurück geändert. Erschwerend hinzu kommt, dass Kind2 unmittelbar vor Weihnachten Geburtstag hat. Da hab ich gleich doppelt Spaß.
Ach Mist! Die Weihnachtsfeiern im Büro von Charlies Sohn und dem Turnverein, das Weihnachtskonzert, den Termin bei der Kosmetikerin damit man mir am 24.12. die Besinnlichkeit ansieht, das Weihnachtsessen mit Freundinnen, das Schreiben von Weihnachtskarten, die Besorgung der Wichtelgeschenke für die Klassenkameraden der Kinder, die Besorgung des Geburtstagsgeschenks für die Freundin von Kind3, überhaupt die Besorgung sämtlicher Geschenke für Menschen, die wir beschenken inklusive dem Verpacken und dem Versand der Pakete, das Anstehen bei der Post um die Pakete zu versenden, nochmal Anstehen, weil ich vergessen habe die Weihnachtskarten mitzunehmen, die Absprachen mit den Schwiegereltern von Charlies Sohn was wir an Weihnachten und Silverster kochen und ob wir dafür noch einkaufen müssen, den Aufbau der Weihnachtsdeko und die Inspektion vom Auto habe ich jetzt vor lauter ausgeglichener Gemächlichkeit (siehe Synonym) ganz vergessen zu erwähnen.
In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin eine besinnliche Zeit!